Wäberhölzli Rheinfelden: Der maschinengerechte Forst

Wäberhölzli Rheinfelden

Der maschinengerechte Forst

Der Abstimmungskampf war lang und heftig. Die Rheinfelderinnen und Rheinfelder entscheiden sich 2016 gegen den Stadtrat und gegen den Forstbetrieb für den Verzicht auf eine Aushubdeponie im Wald. 8 ha Jungwald, schon einmal auf einer Rodungsfläche aufgeforstet, müssen erhalten werden. Auf die in Aussicht stehenden Deponiegebühren muss zu Gunsten des bestehenden Waldes verzichtet werden ( www.waeberhoelzli.ch).

Die Deponiegebühren hätten dem Naturschutz im Wald zu Gute kommen sollen (https://www.youtube.com/watch?v=Kxwe0OwqkSg). Stadt und Ortsgemeinde machten viele Versprechungen. Auf dem Video www.youtube.com/watch?v=raUrR-rSWf8 beschreiben die Abstimmungsgewinner den Wald im Wäberhölzli. Im nächsten Winter soll jetzt im Wäberhölzli geholzt werden. Die Mitarbeiter des Forstbetriebs haben die zu fällenden Bäume mit roten Punkten markiert und die „Rückegassen“ für die schweren Maschinen festgelegt. Das Vorgehen beschreibt der Leiter des Forstbetriebs und Förster (in Personalunion) wie folgt (Fricktal.info, Leserbrief 16.08.2017, Rote Bäume im Wäberhölzli, Auszug) wie folgt:

‚In den meisten Teilen des Wäberhölzlis wurden seit längerem keine Durchforstungsarbeiten mehr durchgeführt. Diesen Herbst und Winter sollen nun wieder welche stattfinden. Die Arbeiten haben zum Ziel, die vitalsten und besten Bäumen, welche mit weissem Markierungsband gekennzeichnet sind, in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Die rosarot markierten Bäume sind deren stärksten Konkurrenten; sie werden gefällt. Dank den entstandenen Lücken erhalten die verbleibenden Bäume mehr Licht und Kronenraum für eine gesunde Entwicklung.

Ohne diese Arbeiten würden die Bäume einen Verdrängungskampf um das lebenswichtige Sonnenlicht gegeneinander führen. Diese natürliche Entwicklung hat jedoch meistens zur Folge, dass die Baumbestände mit der Zeit ein ungünstiges Verhältnis von Baumhöhe zu Stammdurchmesser entwickeln und instabil werden. So steigt mit der Zeit das Risiko, dass die Bestände infolge von Sturm oder Nassschnee umfallen. Waldflächen welche einmal instabil sind, können kaum noch korrigiert werden. Oft stehen die Bäume nur noch, weil sie durch Dichtstand gegenseitig gestützt werden. Um die Stabilität solcher Bestände zu fördern, müssten die Bäume dringend grössere Kronen ausbilden. Würden die dafür notwendigen Lücken freigeschnitten, wird jedoch die gegenseitige Stütze entfernt. Die natürliche Entwicklung von Wäldern einschliesslich der Zerfallsphase lassen wir gezielt in ausgewählten und dafür geeigneten Waldflächen zu. In den übrigen Gebieten möchten wir durch vorausschauende und regelmässige Eingriffe das Risiko für Waldschäden begrenzen und ausgewählte Bäume gezielt in ihrer Entwicklung fördern.

Für die Durchforstungsarbeiten werden Forstmaschinen eingesetzt, welche auch auf den von den ‚normalen’ Waldwegen abgehenden, gut sichtbaren, nicht befestigten, etwa drei Meter breiten Wegen, so genannten Rückgassen, fahren. So gelangen die Maschinen in die Tiefe des Waldes. Die Rückgassen sind auch markiert, jedoch weiss. Diese Markierungen sind sozusagen Wegweiser für die Fahrer der Maschinen. Rückgassen dienen dazu, die Waldbodenfläche, welche durch die schweren Maschinen verdichtet werden können, auf das absolute Minimum zu beschränken. Bei den vorangegangen, den aktuellen und den kommenden Durchforstungsarbeiten werden immer wieder dieselben Fahrgassen verwendet.

Gemäss dem Bewirtschaftungskonzept der Forstverwaltung sind pro Waldgebiet nur jedes dritte Jahr Baumfällarbeiten geplant. Im grösserem Umfang wie dieses Jahr im Wäberhölzli nur alle sechs Jahre. Im Waldgebiet Unteri Rüchi, südlich der Riburgerstrasse wurden letztes Jahr diese Arbeiten ausgeführt. Da die Grösse und Form einer Baumkrone etwas über die Entstehungsgeschichte eines Baumes verrät und massgeblich die weitere Entwicklung prägt, lohnt sich bei Waldspaziergängen der Blick in die Baumkronen.‘

Es ist erfreulich, wenn sich Leute für die Markierungen an Bäumen und die Vorgänge im Wald interessieren und Fragen stellen. Die umfassende Antwort des Forstbetriebsleiters entspricht genau gleich wie die heutige maschinelle Holzproduktion dem anerkannten Standard der Kommunikation. Wem es genügt, wenn es im Wald grün ist, dem genügt auch die Antwort. Wer mehr über Wald und seine Zukunft wissen möchte, der beobachtet und stellt weitere Fragen.

Die regelmässige Durchforstung mit grossen Maschinen und Rückegassen ist nur möglich, wenn der Wald mit lastwagengängigen Strassen durchzogen ist. Damit die Strassen ihre Breite und Tragfähigkeit erhalten können, müssen sie unterhalten (abgerandet) werden und mit einem Entwässerungssystem versehen sein. Das anfallende Strassenmaterial wird zusammen mit dem Holzabfall längs in den Wald geschoben (Deponien im Wald). Die Strassenböschungen werden jährlich maschinell gemulcht. Am Strassenrand gibt es nach Eingriffen grosse Holzpolter (Holzhaufen), unter denen später der Boden verdichtet und eutrophiert (nähstoffreich) zurück bleibt.

In den Rückegassen ist der Waldboden für Jahrzehnte oder Jahrhunderte zerstört. Die Fahrspuren können den Wald entwässern. Sie liefern zusammen mit dem Strassennetz Abflüsse bei Starkregen, wie sie in einem weniger erschlossenen Wald nicht vorkommen. Die Maschinen schädigen den Wurzelraum der Bäume, die Pilze und sie verletzen zahlreiche Baumstämme. Maschinen werden eingesetzt, um die Erntekosten zu senken. Über die Kosten schreibt niemand, an die Kosten von später denkt niemand. Ohne Rückegassen wären die Maschinen gar nicht einsetzbar. Ob sie aber die Wuchsleitung und die Lebensdauer der Zukunftsbäume nicht übermässig einschränken, ist unbekannt. Sicher ist, die liegen gelassenen Holzreste, die Eingriffe und die Erschliessung führen zu mehr Brombeeren, mehr Allerweltspflanzen und weniger Pilzen und Orchideen im Wald. Wer über längere Zeit einen Wald beobachtet, wird diese Entwicklungen unschwer feststellen können (www.naturschutz-irrtum.ch, Staatswald Densbüren).

Die beschriebene Durchforstung ist typisch für die Holzproduktion: Regelmässige Abstände, regelmässige Krone, ähnliches Alter der Bäume. Diese Art Wirtschaftswald ähnelt mehr einem Gartenbeet (Holzackerbau) als einem Wald, wie er von Natur aus entstehen würde. Naturwald kennt keine Regelmässigkeit. Der Stärkste setzt sich durch. Kleinste Unterschiede in Boden, Exposition, Oberflächenform, Mikroklima usw. hätten einen Einfluss auf Arten, Konkurrenz und Wuchsleistung von Bäumen. Die Forstunternehmer haben es nicht einfach: Alle übernehmen Wälder, die von ihren Vorgängern geprägt wurden. Und das was sie heute machen, hat Auswirkungen auf die Möglichkeiten ihrer Nach-, Nachfolger. Einen einmal angefangenen und eingerichteten Holzackerbau mit Erschliessung, Anpflanzung, regelmässiger Durchforstung in einen ungleichaltrigen Holzbestand mit ausschliesslich Naturverjüngung und minimalen Pflegekosten umzubauen ist weder einfach noch kurzfristig möglich.

Und weil heute auch im Wald alles kurzfristig und planbar sein muss, bleiben uns halt die Durchforstungen mit den roten Punkten an den Bäumen erhalten.

Bilder zum Text

Maschinelle Holzproduktion hinterlässt viele verletzte Bäume – Staatswald Densbüren
Natur kennt im Wald keine Regelmässigkeit – Naturwald, Altholzinsel, Chilholz
Nicht maschinell verwertbares Abfall-Holz bleibt haufenweise im Wald – Nicht naturnah -Staatswald Densbüren
Rückegassen zerstören den Boden und den Wurzelraum für Jahrzehnte, auch wenn sie oberflächlich rasch wieder grün werden – Staatswald Densbüren
Maschinelle Holzproduktion erfordert Strassen für Lastwagen mit entsprechender Entwässerung und Böschungspflege – Staatswald Densbüren
Hackholzpolter zeugen von maschineller Holzproduktion – Staatswald Densbüren